Wenn du jemals einen Film gesehen hast, in dem ein Künstler im 19. Jahrhundert Absinth trinkt und dann Halluzinationen bekommt, dann hast du wahrscheinlich den Mythos gehört: Wermut macht high. Doch stimmt das wirklich? Oder ist das nur eine alte Geschichte, die aus Angst und Unwissenheit geboren wurde?
Was ist Wermut wirklich?
Wermut (Artemisia absinthium) ist eine bittere Pflanze, die seit Jahrhunderten in der Volksmedizin und in der Herstellung von Absinth verwendet wird. Es wächst wild in ganz Europa, auch in den Wäldern um Stuttgart, und wird seit der Antike als Bittermittel gegen Verdauungsprobleme eingesetzt. Der Geschmack ist extrem bitter, fast medizinisch - viele sagen, er schmeckt wie Erde und Holz, mit einem scharfen Nachgeschmack.
Im Absinth, dem berühmten grünen Geist, ist Wermut einer von drei Hauptbestandteilen - neben Anis und Fenchel. Der Alkoholgehalt liegt meist zwischen 45% und 74%. Aber der Mythos, dass Wermut allein für die Wirkung verantwortlich ist, hält sich hartnäckig. Und das liegt vor allem an einem einzigen Stoff: Thujon.
Thujon - der berüchtigte Stoff
Thujon ist ein ätherisches Öl, das in Wermut vorkommt. In hohen Dosen kann es neurotoxisch wirken. Das wurde in den 1800er Jahren genutzt, um Absinth als gefährliches, sinnvernebelndes Getränk zu verdammen. Die damalige Medizin und Politik behaupteten, dass Absinth zu Wahnsinn, Krampfanfällen und sogar Selbstmord führe. Diese Ängste führten in vielen Ländern, inklusive Frankreich und den USA, zu einem Verbot von Absinth - bis in die 1990er Jahre.
Doch moderne Studien haben das aufgeklärt. Eine Untersuchung der Universität Zürich aus dem Jahr 2007 analysierte historische Absinth-Rezepte und fand heraus: Selbst die stärksten Varianten enthielten nur etwa 10-30 Milligramm Thujon pro Liter. Heutige EU-Gesetze erlauben maximal 35 Milligramm pro Liter in Spirituosen. Das ist weit unter der Dosis, die als giftig gilt - die liegt bei über 100 Milligramm pro Tag, und das nur bei sehr empfindlichen Personen.
Das heißt: Selbst wenn du eine Flasche Absinth trinkst, bekommst du nicht genug Thujon, um deine Hirnchemie zu verändern. Du bekommst einen starken Alkoholrausch - aber keine Halluzinationen.
Warum denken Menschen, Wermut sei halluzinogen?
Die Halluzinationsgeschichte stammt nicht aus der Wissenschaft, sondern aus der Kultur. Im 19. Jahrhundert tranken viele Künstler wie Baudelaire, Oscar Wilde oder Van Gogh Absinth - oft in großen Mengen, oft mit anderen Drogen wie Opium oder Cannabis. Sie waren auch oft unterernährt, tranken schlechtes Wasser und lebten in Armut. Ihre psychischen Probleme - Depressionen, Wahnvorstellungen, Epilepsie - wurden einfach auf das Getränk geschoben.
Ein bekanntes Beispiel: Van Gogh schnitt sich das Ohr ab. Einige behaupten, das sei wegen Absinth passiert. Doch moderne Diagnosen sprechen von Epilepsie und schwerer psychischer Erkrankung. Absinth war nicht die Ursache - es war ein Sündenbock.
Und dann kam die Propaganda: Die Weinkeller und Brauereien, die durch Absinth Konkurrenz bekamen, verbreiteten gezielt Angst. Sie nannten es das „grüne Gift“. Die Medien spielten mit. Und so wurde eine Legende geboren - eine, die bis heute in Filmen und Büchern lebt.
Was passiert wirklich, wenn du Absinth trinkst?
Wenn du einen guten Absinth trinkst - nicht der billige, künstlich gefärbte Scheiß aus dem Supermarkt, sondern einen echten, destillierten - dann spürst du:
- Einen intensiven, aromatischen Geschmack - Anis, Fenchel, Wermut, mit einer sanften Süße
- Eine angenehme Wärme im Bauch - durch den hohen Alkoholgehalt
- Eine leichte Klarheit im Kopf - viele sagen, es sei „klarer“ als Bier oder Whisky, aber das liegt an der Reinheit der Destillation, nicht an Halluzinationen
- Einen starken Rausch - wenn du zu viel trinkst
Du wirst nicht sehen, wie die Wände tanzen. Du wirst nicht mit Geistern sprechen. Du wirst einfach nur betrunken sein. Und das ist es, was Wermut wirklich tut: Es macht den Alkohol geschmacklich komplexer - nicht stärker.
Wie wird Wermut heute verwendet?
Heute ist Absinth legal in der EU, den USA und vielen anderen Ländern - mit strengen Thujon-Grenzen. In der Schweiz, wo der Absinth seine Heimat hat, gibt es sogar spezielle Appellationen wie „Absinthe Blanche“ oder „Absinthe Suisse“ mit strengen Qualitätsstandards.
Aber Wermut wird nicht nur in Absinth verwendet. In der modernen Mixologie wird es als Bitter in Cocktails eingesetzt - zum Beispiel im “Sazerac” oder im “Negroni”. In der Kräutermedizin wird es als Tinktur gegen Blähungen, Appetitlosigkeit oder Leberprobleme genutzt. Es ist ein Bittermittel - kein Triebmittel.
Einige Menschen trocknen Wermutblätter und brühen sie als Tee. Das schmeckt furchtbar bitter, aber es hilft manchen bei Verdauungsproblemen. Und nein - auch das macht nicht high. Es ist einfach nur bitter.
Wann ist Wermut gefährlich?
Wermut ist nicht gefährlich, wenn du es in normalen Mengen trinkst - als Teil eines Absinths, als Tee oder als Tinktur. Aber wie bei allem: Zu viel ist schädlich.
Langfristiger, übermäßiger Konsum von reinem Wermut-Extrakt (nicht Absinth!) kann Nervenschäden verursachen. Aber das ist so selten, dass es kaum dokumentiert ist. Die meisten Fälle stammen aus dem 19. Jahrhundert, wo Menschen Liter von unverdünnter Wermut-Tinktur tranken - aus Verzweiflung, aus Armut, aus Unwissen.
Heute ist das Risiko praktisch null. Du kannst ein Glas Absinth trinken, ohne Angst haben zu müssen. Du kannst Wermuttee trinken, ohne dass dein Gehirn sich verändert. Du kannst sogar eine Pflanze in deinem Garten anbauen - sie ist robust, duftet leicht und sieht aus wie ein kleiner, silberner Strauch.
Die Wahrheit über Wermut
Wermut ist keine halluzinogene Pflanze. Es ist ein Bitterkraut - mit Geschichte, mit Geschmack, mit Mythos. Aber nicht mit Magie.
Die Halluzinationen, die man ihm nachsagt, waren nie seine Wirkung. Sie waren die Wirkung von Alkohol, von Armut, von Angst und von einer Gesellschaft, die lieber eine Pflanze zum Sündenbock machte, als ihre eigenen Probleme anzuerkennen.
Wenn du heute Absinth trinkst, dann trinkst du nicht ein Rauschmittel. Du trinkst ein Kulturgut. Einen Geschmack aus der Vergangenheit. Einen Atem aus der Romantik. Und ja - vielleicht ein bisschen davon, wie Künstler damals gelebt haben. Aber nicht, weil Wermut dich high macht. Sondern weil es dich dazu bringt, still zu werden. Nachzudenken. Den Geschmack zu spüren. Und das ist vielleicht noch viel intensiver als jede Halluzination.
Ist Wermut legal in Deutschland?
Ja, Wermut ist in Deutschland legal - sowohl als Pflanze als auch als Bestandteil von Absinth. Die EU erlaubt bis zu 35 mg Thujon pro Liter in Spirituosen. Alle heute erhältlichen Absinthe erfüllen diese Vorschrift. Du kannst Wermut auch als Tee trinken oder als Tinktur verwenden, solange du nicht übermäßig konsumierst.
Kann man Wermut als Tee trinken, um high zu werden?
Nein. Selbst wenn du große Mengen Wermuttee trinkst, wirst du keine Halluzinationen bekommen. Der Thujongehalt in Tee ist extrem niedrig - oft unter 1 mg pro Tasse. Was du spürst, ist hauptsächlich die Bitterkeit, nicht eine Veränderung deiner Wahrnehmung. Wer behauptet, Wermuttee mache high, verwechselt es mit anderen Pflanzen wie Salvia oder Datura.
Warum wurde Absinth verboten?
Absinth wurde vor allem aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen verboten. Die Weinindustrie hatte Angst vor Konkurrenz. Künstler und Arbeiter tranken es oft - und wurden als „gefährlich“ dargestellt. Medien und Politiker nutzten angebliche Halluzinationen, um Angst zu schüren. Die wissenschaftliche Grundlage war schwach. Erst in den 1990er Jahren, nach neuen Studien, wurde das Verbot in den meisten Ländern aufgehoben.
Hat Wermut eine Wirkung auf die Leber?
Wermut selbst ist nicht giftig für die Leber. Im Gegenteil: In der traditionellen Medizin wird es als Leberstütze verwendet. Aber der Alkohol in Absinth ist es, der die Leber belastet. Wenn du viel Absinth trinkst, dann belastest du deine Leber - nicht wegen Wermut, sondern wegen des Alkohols. Das ist der gleiche Effekt wie bei Whisky oder Wodka.
Gibt es echte Halluzinationen durch Absinth?
Nein. Es gibt keine wissenschaftlich belegten Fälle von Halluzinationen, die nur durch Absinth verursacht wurden. Alle Berichte stammen aus der Zeit vor 1915, als die Qualität der Getränke oft schlecht war, die Alkoholmenge hoch und die Menschen oft mit anderen Drogen mischten. Moderne Studien konnten keine neurologischen Effekte von Thujon in Absinth-Dosen nachweisen.